Innovationsort Schule: Ein Jahr später
Als wir uns im Mai 2025 zum ersten Mal in der Alemannenschule Wutöschingen getroffen haben, waren viele neugierig, einige skeptisch und fast alle gespannt auf das, was wir dort sehen und erleben würden.
Ein gutes Jahr später kamen wir erneut zusammen. Diesmal nicht, um zu fragen, ob die Ideen aus Wutöschingen funktionieren könnten. Sondern um zu berichten, was wir inzwischen erreicht, ausprobiert und gelernt hatten.
Besonders wertvoll war dabei, dass Stefan Ruppaner den gesamten Nachmittag begleitete. Mit großer Offenheit hörte er den Berichten zu, stellte Fragen, gab Anregungen und teilte seine Erfahrungen aus vielen Jahren Schulentwicklung. So entstand kein Vortrag, sondern ein echter Austausch auf Augenhöhe.
Und genau das machte diesen Nachmittag so besonders.

Aus Ideen werden Erfahrungen
Viele der Lehrkräfte, die vor einem Jahr dabei waren, haben sich inzwischen selbst auf den Weg gemacht. Sie haben Unterricht verändert, Neues ausprobiert, Rückschläge erlebt, Erfolge gefeiert und vor allem Erfahrungen gesammelt.
Es wurde schnell deutlich: Niemand kam mit fertigen Lösungen oder Patentrezepten nach Wutöschingen. Stattdessen berichteten Kolleginnen und Kollegen ehrlich über Erfolge, Hindernisse und die Fragen, auf die sie noch keine Antworten gefunden haben.
Gerade dieser Mut von nicht Perfektem zu berichten, machte die Gespräche so besonders wertvoll.
Einfach anfangen
Beeindruckend war zu sehen, mit welchem Engagement die Beteiligten ihre ersten Schritte gegangen sind.
Alina Renner berichtete, wie sie gemeinsam mit Kollegen Lerninhalte neu strukturiert und Schülerinnen und Schülern mehr Verantwortung für ihren Lernprozess übertragen hat. Vieles musste entwickelt, angepasst und teilweise auch wieder verändert werden. Doch die Erfahrungen zeigen, dass junge Menschen oft deutlich mehr Verantwortung übernehmen können, als Erwachsene ihnen zutrauen.
Immer wieder griff Stefan Ruppaner die vorgestellten Beispiele auf, ordnete Erfahrungen ein und zeigte Verbindungen zu den Entwicklungen an der Alemannenschule auf. Seine Rückmeldungen machten Mut, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
Vertrauen kommt vor Veränderung
Eine wichtige Erkenntnis des Tages lautete: Neue Lernformen brauchen Zeit.
Jürgen Kury und seine Kollegen schilderten sehr anschaulich, warum selbstorganisiertes Lernen nicht einfach per Stundenplan eingeführt werden kann. Bevor Schülerinnen und Schüler Verantwortung übernehmen können, brauchen sie Vertrauen. Sie müssen ihre Lehrkräfte kennen, ihre Mitschüler und die neue Umgebung. Erst dann entsteht die Sicherheit, die neue Wege möglich macht.
Vielleicht war das eine der wichtigsten Botschaften des Nachmittags: Schulentwicklung beginnt nicht bei Methoden, sondern bei Beziehungen.
Die entscheidende Frage
Immer wieder tauchte im Verlauf der Gespräche dieselbe Frage auf:
Wie sehen wir eigentlich die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir arbeiten?
Stefan Ruppaner vertrat dabei eine klare Haltung. Kinder wollen lernen. Sie sind neugierig. Sie wollen die Welt verstehen. Die Aufgabe von Schule besteht deshalb nicht darin, Lernen zu erzwingen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Lernen gelingen kann.
Mit zahlreichen Beispielen aus seiner Praxis zeigte er, wie viel möglich wird, wenn Lehrkräfte Vertrauen schenken, Verantwortung übertragen und den Mut haben, gewohnte Wege zu verlassen.
Diese Sichtweise zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Nachmittag.
Was bleibt?
Vielleicht vor allem die Erkenntnis, dass Veränderung möglich ist.
Nicht durch große Reformprogramme. Nicht durch neue Verordnungen. Sondern durch Menschen, die bereit sind, etwas auszuprobieren, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam zu lernen.
Und vielleicht noch etwas anderes: die Erfahrung, wie inspirierend es sein kann, wenn jemand wie Stefan Ruppaner seine Zeit, seine Erfahrungen und seine ganze Leidenschaft für gute Schule mit anderen teilt.
Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer fuhren mit neuen Ideen, neuer Motivation und der Gewissheit nach Hause, dass Veränderung möglich ist – und dass sie vielerorts, dank ihnen, bereits begonnen hat.
VIS Vorsitzender Hanspeter Hauke überreicht
Stefan Ruppaner die VIS-Ehrenurkunde